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Nutzervorlieben rücken in den Vordergrund - das digitale Geschäftsmodell wird verfeinert: Chefredakteur Joachim Braun verriet uns, welche Ideen hinter der neuen Homepage stecken.

Das steckt hinter dem Homepage-Relaunch beim Nordbayerischen Kurier

Mit einem Relaunch der Webseite Anfang Oktober ging das kleine regionale Medienhaus aus Franken den nächsten Schritt in die digitale Medien-Zukunft. Wir haben Chefredakteur Joachim Braun gefragt: Welche Ziele stecken hinter welchen neuen Features und wie soll damit Geld verdient werden?

Bayreuth. Mit dem neuen Redaktionssystem und neu definierten Arbeitsprozessen hat alles begonnen. Seit Anfang dieses Jahres produziert der Nordbayerische Kurier sein gedrucktes Produkt „Online to Print“, statt,  wie anderswo üblich, das Beste aus Print online zu stellen. Mit einem Relaunch der Webseite Anfang Oktober ging das kleine regionale Medienhaus aus Franken den nächsten Schritt in die digitale Medien-Zukunft: Mit neuer Homepage setzen Chefredakteur Joachim Braun und seine Redaktion erneut ein Zeichen. Wir haben mit Joachim Braun über seine Beweggründe, die Prinzipen hinter dem neuen Auftritt und seine ersten Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Prozess gesprochen.

Perspektivwechsel: Von der redakteursgesteuerten Nachrichtenseite zur nutzerbestimmten Kacheloptik

Die alte Homepage des Nordbayerischen Kuriers war ähnlich aufgebaut wie die Nachrichtenseiten vieler regionaler Medienhäuser.

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So sah die Website des Nordbayerischen Kuriers vor dem Relaunch aus.

Die Redaktion bestimmte, welche Artikel auf der Startseite wo stehen, es gab einen Newsbereich und einen Randbereich mit Serviceangeboten sowie ein komplexes Menü am Kopf der Seite. (Der Aufbau vor dem Relaunch lässt sich mithilfe der Wayback Machine, einem kostenfreien Internetarchiv, von dem auch dieser Screenshot stammt, nachvollziehen.) Chefredakteur Joachim Braun beschreibt die grundsätzliche Zielsetzung des Relaunch so: „von einer unübersichtlichen Seite mit vielen widerstreitenden Elementen zu einem klar durchstrukturierten Angebot, das an den Bedürfnissen der Kunden nicht des Anbieters orientiert ist“. Gleichzeitig wolle man Ansätze zur Monetarisierung im Digitalen verbessern. Dazu dienen vor allem der geschlossene Abonnentenbereich sowie Vermarktungsangebote auf einer mobilfähigen Kartenansicht. Allein auf Anzeigen im Digitalen verlässt man sich auch in Bayreuth nicht mehr.

Trennung zwischen Anzeigen und redaktionellem Content weiterhin durch Kennzeichnung und Layout

Auf der neuen Seite werden die Inhalte, klassische Inhalte genauso wie Videos oder Liveticker, als Kacheln dargestellt. Das gilt auch für die lokale Werbung. Sie erscheint auch als Kacheln, die jedoch nicht nur durch das Wörtchen „Anzeige“ im Kopf der Kachel, sondern auch im Layout eindeutig von den redaktionellen Inhalten zu unterscheiden sind.

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Übersichtliche Kacheloptik, reduziertes Menü: Die Seite des Nordbayerischen Kuriers nach dem Relaunch im Oktober 2015. Fällt auf: Das Layout der Anzeigenkacheln unterscheidet sich dabei von dem Layout der Nachrichtenbeiträge (unten rechts).

„Hier unterscheiden wir uns von anderen Seiten, die die Kacheloptik gewählt haben, wie zum Beispiel MoPo24. Als Boulevardportal gehen die Kollegen sehr locker mit Werbung um. Auf dieses dünne Eis werden wir uns nicht begeben“, begründet dies Joachim Braun.

Nutzervorlieben rücken in den Vordergrund - das digitale Geschäftsmodell wird verfeinert

Künftig hat der Nutzer der neuen Kurier-Webseite nicht mehr direkt in einem statischen Menü am Seitenkopf die Auswahl zwischen sechs bis zehn Kategorien und noch einmal doppelt so vielen Unterkategorien. Das komplexe Menü wurde stark vereinfacht und in den Hintergrund gerückt. Es befindet sich nun in einem an mobilen Nutzungskonventionen orientierten Menü (oft „Hamburger-Menü“ oder „Navigation-Drawer“ genannt) am linken oberen Rand der Seite. Stattdessen wählt der Nutzer zwischen vier verschiedenen Homepage-Varianten: „Aktuell“, „Meistgelesen“, „Mein Kurier“ sowie „Karte.

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Die neue Übersichtlichkeit soll die Nutzerfreundlichkeit verbessern: Vier Hauptstartseiten und ein reduziertes Menü im mobil verbreiteten "Hamburger-Format" (ganz oben links).

Im Einzelnen:

„Aktuell“-Ansicht: Hier werden die Nachrichten nach der Entscheidung der Redakteure angeordnet. Weil die Reporter beim Kurier durch den „Online to Print“-Ansatz genau wissen, um welche Zeit welche Art von Text fertig sein muss, kann die Redaktion sich hier besser an die Lesegewohnheiten der digitalen Leser anpassen: „Wir publizieren ohnehin schon kurze, knackige Meldungen eher am Morgen. Lange Lesestücke werden gegen nachmittags oder abends auf die Seite gestellt. So bleibt nicht nur Bewegung auf der Homepage, sondern wir haben auch zu den entsprechenden Uhrzeiten genau das Material, das unsere Nutzer erwarten“, sagt Braun.

„Meistgelesen“-Ansicht: Bei dieser Seitenansicht sollen den Nutzern die Inhalte angezeigt werden, die andere Nutzer am meisten interessieren. Grundlage für die automatische Sortierung ist ein Algorithmus. Der wurde seit dem Relaunch am 1. Oktober 2015 übrigens bereits nachgebessert – eine Sortierung allein nach der Anzahl der Klicks bewirkte nämlich, dass ein Inhalt, der oben erscheint, dort auch lange Zeit bleibt, weil er automatisch weiter Klicks anhäufte – denn er ist das erste, was neu hinzugekommene Nutzer sehen. Somit fehlte es an Bewegung: „Das verfälscht auch das Bild vom Leserinteresse, finden wir“, so Braun. Also arbeitet der aktuelle Algorithmus nach einem ausgeklügelten Prinzip: Er misst die Klicks auf eine Geschichte in der ersten Stunde, nachdem sie online gestellt wurde, und multipliziert sie mal 32. In der zweiten Stunde nimmt er die Klicks der ersten Stunde ohne Potenz und rechnet die Klicks der zweiten Stunde mal 16 dazu und so weiter – ein Balanceakt zwischen der tatsächlichen Abbildung der Leserinteressen und einem gewissen Grad an Manipulation also: „Wir testen unsere Methode sehr genau. Sobald wir uns festgelegt haben, werden wir den Text anpassen, der den Nutzern das Prinzip für die „Meistgelesen“-Ansicht genau erklärt“, sagt Joachim Braun dazu.

„Mein Kurier“-Ansicht: Hier verbirgt sich eine Seite, die Abonnenten nach ihren eigenen Vorlieben konfigurieren können. In diesem Bereich lassen sich drei Lieblingsrubriken auswählen. Allerdings nur, wenn dafür bezahlt wird. Nicht-Abonnenten gelangen bei Klick auf „Mein Kurier“ auf eine Seite mit dem Angebot, ein Abo abzuschließen. Viele Inhalte auf der Webseite des Nordbayerischen Kuriers sind inzwischen kostenpflichtig. „Unsere Redaktion entscheidet im Einzelfall, ob ein Artikel bezahlt werden muss. Kriterien dafür sind beispielsweise Exklusivität, journalistische Aufbereitung und Aufwand. Diese hochwertigen Inhalte sind zum größten Teil noch nicht in der Zeitung erschienen“, schreibt die Redaktion grundsätzlich zur Bezahlschanke auf der Fragen & Antworten-Seite im Servicebereich. „Der ‚Mein Kurier‘-Bereich ist Herzstück der Seite und bietet Mehrwert für zahlende Kunden“, erläutert Braun die Intention hinter „Mein Kurier“.

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Wer den Bereich "Mein Kurier" nutzen und seine persönlichen Topthemen auf seiner Startseite einrichten möchte, muss Abonnent sein.

„Karte“-Ansicht: Klickt man auf diesen Bereich, öffnet sich eine Umgebungskarte von Bayreuth (Open Street Map). Abrufbar sind neben den aktuellen Nachrichten des Kuriers auch Spritpreise, Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel mit Fahrplan, Party- und Kulturveranstaltungen und vieles mehr. Hier zielt das Bayreuther Medienhaus auf eine junge, mobile Zielgruppe – jene, um die sich die gesamt Branche schon jahrelang mit eher geringem Erfolg bemüht.

Die Daten zu den Events erhält der Kurier von „Bayreuth4U“, einem Bayreuther Stadtmagazin, das schon mehrere Jahre mit dem Bayreuther Medienhaus kooperiert, um die Events in der gedruckten Zeitung zu veröffentlichen. „Allerdings ergibt das Veröffentlichen von Partyevents, Kneipen- oder Lokalrezensionen in einer Variante, die auf eine junge, mobile Zielgruppe zugeschnitten ist, natürlich mehr Sinn – die gedruckte Zeitung erreicht sie ja meist nicht mehr“, erläutert Braun. Zusammengestellt wird die Kartenansicht in Kooperation mit Lokaler.de, einem Tool, das von Datenjournalist Lorenz Matzat entwickelt wurde und das er so beschreibt: „Lokaler kartiert Orte, Termine und Nachrichten. Es liest Datenquellen automatisiert ein und lässt sich mittels einer durchdachten Oberfläche redaktionell betreuen. So wird bei überschaubarem Aufwand eine vielfältige Kartenanwendung, ein location-based Service, mit unseren Inhalten möglich.“ Der Nordbayerische Kurier bezahlt dazu eine Lizenzgebühr und sendet alle gewünschten Daten an das Tool.

Interessant hierbei: Die Nachrichten kommen aus dem Redaktionssystem der NK-Redaktion, einige Events von Bayreuth4U, Bushaltestellen und Fahrpläne (qua Vertrag geregelt, aber unentgeltlich) von der bayerischen Eisenbahngesellschaft (Bayern-Fahrplan.de), die Daten für die aktuellen Spritpreise werden an der Schnittstelle der 2013 ins Leben gerufenen, staatlichen „Markttransparenzstelle für Kraftstoffe“ abgegriffen. Dieses Angebot wollen die Bayreuther in nächster Zeit mit weiteren praktischen Informationen wie Einkaufsmöglichkeiten oder Biergartenstandorten ergänzen, jedoch nicht ohne Kommerzialisierungsgedanken, wie Braun erklärt: „Diese Informationen halten wir ganz bewusst zurück. Wir schaffen hier ein äußerst attraktives Angebot – da darf es ruhig etwas kosten, dabei zu sein.“

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Auf der Karte können beliebig viele nützliche Kategorien (oben rechts) an- oder ausgeschaltet werden (Fahren Sie mit der Maus über das Bild, um zur Detailansicht zu gelangen).

Erst das redaktionelle Umdenken, dann das Ausschöpfen von Potenzial

Durchgezogen wurde der Relaunch als Top-Down-Prozess. „Wir haben in der Redaktion über unsere Pläne regelmäßig informiert, aber einen Arbeitskreis gab es dazu nicht“, sagt Braun. Dass dieser Prozess kaum auf Widerstand stieß, sei auch damit zu erklären, dass sich trotz der vielen für Anwender spürbaren Neuerungen der Arbeitsprozess der Reporter nicht viel ändere: „Durch unseren ‚Online to Print‘-Ansatz haben wir die Voraussetzungen für den Relaunch bereits geschaffen“, erklärt Braun.

So sind für die meisten Redakteure nur Kleinigkeiten zu beachten: Zum Beispiel müssen aufgrund der Kacheloptik die Überschriften kürzer sein. Ab und an muss die Redaktion noch händisch in die Sortierung im Digitalen eingreifen: „Die Automatismen werden durch ein lernendes System gesteuert“, erklärt Braun. „Und das System muss eben erst mal lernen.“ Im Newsroom auf den Screens des Kuriers lief noch nie ein Nachrichtensender. Hier richtet sich der Blick auf andere Dinge: „Wir beobachten unseren digitalen Impact mittels dreier verschiedener Analysetools, die auf den Screens laufen. Außerdem zeigt ein weiterer Bildschirm unsere Aktivitäten und die Reaktionen der User auf Facebook.“ Die Kurier-Mannschaft will immer einen Blick auf die Nutzer haben – woher sie kommen, wie viele sich gerade auf den verschiedenen Angeboten des Kuriers bewegen und vor allem, wie lange sie bleiben. „Die Verweildauer ist die zentrale Größe. Die wollen wir erhöhen“, so Braun. „Unsere Mittel sind Verlinkungskonzepte und das automatisierte Anzeigen von verwandten Artikeln.“

Die medienneutrale Arbeit soll künftig trotzdem noch konsequenter werden. „Wir wollen, dass noch disziplinierter mit einem Rohtext und kanalspezifischen Varianten gearbeitet wird, um noch anwenderfreundlicher und kanalspezifischer zu produzieren. Denn die Konventionen der Kanäle sind höchst unterschiedlich, und Anwender und Leser erwarten von uns, dass wir das beachten.“ Erste Kritik am neuen Auftritt bezog sich meist auf den Registriervorgang – er sei noch zu kompliziert, gibt auch Joachim Braun zu. Doch das Feedback der Nutzer zum neuen Onlineportal, das der Kurier via Abfrage der Abonnenten der Seite zwei Wochen nach dem Relaunch einholte, war laut Joachim Braun zu 90 Prozent positiv.

Go-Live-Panne: Redaktion machte das Beste draus

Und das, obwohl am Tag des Relaunch die neue Seite größtenteils nicht erreichbar war. „Das war eine Katastrophe“, gibt Braun unumwunden zu. „Das hat die Kraft aus unserer groß angelegten Kampagne ‚Lass-weg‘ genommen.“ Mit Plakaten und digitalem Marketing wurde zehn Tage lang mit der Formel „Lass weg, was dich nicht interessiert“ für den neuen Internetauftritt geworben.

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Panne beim Relaunch: Die Redaktion nahm es mit Humor.

Doch in Bayreuth macht man offensichtlich auch aus der Panne das Beste und stellt gleich nochmal das Gespür für digitale Konventionen unter Beweis: Über die Fortschritte beim verpatzten Go-Live der neuen Seite informierte die Redaktion ihre Nutzer an diesem Tag (und in der Nacht) mithilfe eines ganz neuen Formats: dem therapeutischen Live-Ticker. Nachzulesen ist er hier.

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